Ein Politiker in Delmenhorst

Ansichten, Vorschläge, Meinungen und alles andere was einem Politiker in Delmenhorst einfällt.

Freitag, 11. Mai 2012

@Rassismus

Auf der Mailingliste der Piraten Niedersachsen hat die von mir sehr geschätzte Katta folgende Mail veröffentlicht, die ich mit ihrem Einverständnis hier veröffentlichen und verewigen will.

Das leidige Thema

Aus meiner Sicht ist wichtig rassistischen Äußerungen überall dort entgegenzutreten, wo sie uns begegnen. Und ich würde davor warnen dabei lediglich von Nazis und NPD Mitgliedern zu sprechen.

Mir sind einige "richtige" Nazis begegnet. Einmal hat mich ein offensichtlicher Nazi (Glatze, Thor Steiner Jacke, …) versucht anzugraben. Auf meinen Kommentar, das mit uns könne nichts werden, weil ich schließlich Ausländer sei, ist er leider eingegangen. Er fragte woher ich komme. Ich so: „Polen.“ Er so: „Wo da?“ Ich so gesagt. Er so: „Na das ist doch Großdeutsches Reich.“ Da sind mir ehrlich gesagt die Gesichtszüge entgleist. 

Ein anderes Mal ist nach dem 28C3 ein Nazi beim CCC Hamburg aufgetaucht, rein gegangen und drohte, als er des Hauses verwiesen wurde, mit seinen „Freunden“ wiederzukommen . Beim Kongress gehen immer Nazi-Seiten vom Netz und die Aufdeckung der NSU-Morde lag nicht allzu lange zurück. Da wollte wohl einer auf Dicke Hose machen. Und ganz ehrlich – in einem scheintoten Gewerbegebiet nachts...
Viel öfter als Nazis habe ich im Alltag Menschen getroffen, die rassistische  oder diskriminierende Ansichten vertreten ohne sich selbst als rechts zu betrachten. Manchmal bewusst, manche aber auch völlig unreflektiert. Darunter vertraten einige Menschen, die ich im Laufe meines Lebens getroffen habe die Ansicht, „diese ganzen Islamisten“ dürften nicht nach Deutschland kommen, „die Osteuropäer an sich würden stark riechen“ und seien kriminell, […]. Ich bin was solche Statements angeht zugegebener Maßen überempfindlich. Ich kann da nicht weghören und ich setze mich mit solchen Leuten zwangsläufig auseinander.
Ich hab da auch nicht so wirklich eine Wahl, schließlich reden diese Leute in vielen Fällen über mich, ohne es zu wissen. Oft genug hatte ich aber Debatten erlebt, die mit „das muss man jetzt auch einmal sagen dürfen“ anfingen und bei „dem Osteuropäer an sich“ endeten und bei denen so lange alle fröhlich zustimmen, bis man sie damit konfrontierte, dass  das was sie sagten rassistisch sei und fragt ob man denn auch unangenehm rieche. 
Meist sind solche Debatten ähnlich aufgebaut. Man ist sich einig, die eigene Meinung zu Ausländern werde unterdrückt, man werde wegzensiert, Meinungsfreiheit werde nicht gewährleistet. Und dann packt jeder seine Vorurteile auf den Tisch und für jedes Vorurteil findet sich schnell ein Einzelfall, der Schlussfolgerungen rechtfertigen soll, die auf die Allgemeinheit „der Ausländer“ der „Polen“ der „Muslime“ oder „der Schwulen“ übertragen werden. Meist werden die diskriminierten Gruppen dann auch noch in Nebensätzen für die eigenen persönlichen Missstände verantwortlich gemacht. 
Meine Erfahrung mit solchen Debatten ist sehr ernüchternd. Noch letzte Woche in Ibbenbüren beim Unterschriftensammeln hat ein mir unbekannter älterer Herr mich über „die ganzen Islamisten“ und die ganzen Leute, die im Asylbewerberheim auf großem Fuß leben würden, versucht „zu informieren“. Selbst meine Aussage, ich selbst habe in einem Asylbewerberheim gelebt und dort keinerlei Luxus vorgefunden, hat ihn nicht verunsichern können. Und auf die Nachfrage, ob ich denn auch auf Kosten des Staates leben würde - trotz meiner Steuerabgaben und allem - und besser das Land verlassen sollte (zusammen mit diesen „Islamisten“), entgegnete er, das sei ja was anderes. Ja, es ist immer eine Ausnahme, wenn die eigenen Vorurteile nicht bestätigt werden. Davon leben diese Klischees. Wie oft ich schon gehört habe ich sei kein „richtiger Ausländer“, weil ich keinen Akzent habe, einen Hochschulabschluss und Steuern zahle und nicht mit Drogen deale und keine dunkle Hautfarbe und den „richtigen“ Glauben habe. Dass ich ungläubig bin interessiert diese Leute nicht. „Die Polen sind doch alle religiös, Johannes Paul und so“ - Ja genau: Klischees. 
Und ich muss sagen, mir machen diese Leute die in einem Nebensatz ganz beiläufig „Ex oder Türke“ beim Dorffest sagen viel viel mehr Angst als die ganze NPD. Denn die NPD und Neo-Nazis werden gesellschaftlich geächtet. Alltagsdiskriminierung nicht. Kaum einer ist gerne „rechts“ oder bekennt sich als „Nationalsozialist“. Doch in vielen Kneipen gehören diskriminierende Sprüche zum Alltag und wie oft wird da pauschalisiert und diskriminiert. 
Man soll sich nicht so anstellen und mal nicht übertreiben sagen dann Manche wenn man sich aufregt. Es bedeute ja nichts. Doch für mich ist es viel bezeichnender, wenn Vorurteile oder Sprüche in den Alltagsgebrauch der „Normalbürger“ übergehen und einfach als Standard akzeptiert werden.  Alltagsrassismus ist für mich der Nährboden, aus dem sich solch eine rechte Radikalisierung mitunter speist. Ich weiß noch als Sarrazins Buch herauskam. Alle Einwanderer die ich kenne haben das mit großer Sorge  verfolgt. Denn plötzlich wurde dieses „das muss man doch noch sagen dürfen“ in der Öffentlichkeit ausgetragen. Da wurden Tabellen in Zeitungen abgedruckt, die zeigen sollten, wie intelligent und „effizient“ die jeweiligen Einwanderergruppen waren. Und irgendwo war auch der Balken zu dem ich wohl zähle. Und nicht immer wurde darüber gesprochen, wie soziale Herkunft und Asylbewerberheime und das ganze Prozedere die einen Gruppen mehr benachteiligt oder weniger. Der Durchschnittsbürger sieht erst einmal Balken die zeigen, welche Migranten wie viel einbringen und welche wie viel kosten. Auf der nächsten Seite wartet schon der Artikel über radikale Islamisten und Attentatspläne. Und einem der interessierten Leser, der diese „Informationen“ aufgesaugt hat, den treffe ich dann anschließend auf der Fußgängerzone in Ibbenbüren beim Unterschriftensammeln und unterhalte mich mit ihm über seine Sicht zu "diesen Islamisten“ - wie er Muslime nennt.
Ich war mal auf Reisen als die Polizei einen Mann und seine Koffer in einem Bahnhof durchsuchte. Er sah nach einem Migranten aus und hatteeinen Bart. Ich habe mich dazu gestellt und die Polizei gebeten, mich auch zu durchsuchen. Und gefragt, warum ich denn nicht verdächtig genug aussehen würde. Die Polizei hat mich abgewimmelt. Ich solle keinen Ärger machen. Der Durchsuchte meinte so: „Danke, aber ist schon gut. Ist das fünfte Mal diese Woche.“ Das war  wenige Jahre nach den Attentaten in New York. Ein Freund von mir arbeitet in einem internationalen Team und eint, der Afro-Amerikaner wird weniger diskriminiert als der deutsche türkischstämmige Mitarbeiter. 
Einer Freundin wurde letztes Jahr kein Wahlbescheid zugestellt. Sie hat beim Amt angerufen und gefragt was da los sei. Die Antwort: „Na ihr Name klang so ausländisch und in dem Haus wohnen ja viele die kein Wahlrecht haben.“ - dabei war die Freundin in Deutschland geboren worden und hatte nie ein anderes als das deutsche Wahlrecht gehabt. Und einen arabischen Nachnamen.
 
Klar, das sind vielleicht Einzelfälle, aber solche Einzelfälle dürfen einfach nicht passieren. Ebenso wenig darf es übrigens auch passieren, dass die Datenbankadministratorin für die Putzfrau gehalten wird, weil sie einen osteuropäischen Akzent hat. Das tut den Menschen nämlich in der Seele weh. Nur weil man einen Akzent hat heißt es noch nicht, dass man ungebildet ist. Und nur weil man eine Frau ist heißt es nicht, dass man nicht ebenso zur IT-Abteilung gehören könnte. Im übrigen kenne ich viele osteuropäischen Putzfrauen die Biochemie oder Literatur studiert haben und deren Abschlüsse hier nicht anerkannt werden. Ebenso viele Menschen die aus ähnlichen Gründen Taxi fahren. 
Ich weiß nicht wie man mit Alltagsdiskriminierung am besten umgehen kann. Ein Patentrezept kann ich nicht anbieten. Wahrscheinlich ist viel Bildung, aber auch eine Presse notwendig, die rechten Tendenzen kein Forum bietet. Vielleicht wäre auch ein anderer Umgang mit „Islamstudien“ seitens des Innenministeriums zumindest nicht schädlich. Wir alle möchten doch nicht ständig gegen unsere Rollenbilder und Klischees ankämpfen müssen, sondern als eigenständige Menschen wahrgenommen werden. Dazu muss man zunächst einmal unvoreingenommen sein was, die Verknüpfung von Fragen zu Herkunft oder anderen Eigenschaften, auf die man keinen Einfluss hat, angeht. 
Was aber in jedem Fall helfen könnte, im gemeinsamen Bestreben für eine tolerantere Gesellschaft, wäre weniger „Das muss man ja auch mal sagen dürfen“, mehr nachdenken und viel für seine Mitmenschen eintreten. Auch wenn es aussichtslos scheint und man an einem Tag kein vorgefertigtes Weltbild zum Einsturz bringen kann. Stetiger Tropfen höhlt den Stein. Es muss kein Vortrag werden, es kann einfach nur ein klares Statement sein, dass hier gerade die Diskussion in Halbwahrheiten, Vorurteile, Feindbilder und Rassismus oder Diskriminierung abdriftet. 
Klar sind Rassismus und Diskriminierung gesellschaftliche Probleme. Aber wir als neue Partei können zeigen, dass wir anders damit umgehen als andere Parteien, die gerne auf dem rechten Auge blind sind.

Katta / Katharina Nocun

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